
In einem Interview wurde ich kürzlich gefragt, welche Publishing-Programme wir in zehn Jahren kaufen. Meine Antwort darauf:
«In zehn Jahr kaufen wir keine Programme mehr – wir mieten dann Services.»
Das heisst, die lokal installierten Programme werden immer «dümmer». Der App-Hype zeigt dies in Reinkultur: Ein Programm, ein paar wenige MB's gross, der eigentliche Inhalt kommt aus der Cloud, dem Internet.
Überall stehen Wegweiser
Wie komme ich zu dieser Überzeugung? Ganz einfach, ich schaue auf Wegweiser. Trends, die genau in die Richtung zeigen. Hier mal ein paar banale Punkte, bereits alltäglich, nicht hypothetisch:
- Immer mehr Leute verabschieden sich vom Mailprogramm und nutzen Webmail-Dienste. Vorteil: Von jedem Gerät her haben sie Zugriff auf ihre Mails.
- Websites und Blogs werden in online laufenden Content Management Systemen erstellt und gepflegt.
- Grosse Betriebe verlegen ihre Offices in die Cloud – zum Beispiel Ringier, die auf die Google-Apps setzen.
- Auch kleine Firmen können sich ausgewachsene Kollaborativ-Lösungen mieten. Wir nutzen sehr erfolgreich die Office-Lösung von Google und arbeiten damit über Firmen, Standortorte und Projekte hinweg.
- Grosse Dateien werden über Clouddienste wie Dropbox versendet.
- Helfen tut man sich gegenseitig über Videomeetings, Team Viewer ist sehr beliebt.
Auch im Publishing: Applikationen öffnen sich immer mehr Richtung Cloud. Dass sie noch nicht vollständig im Internet laufen, ist nur der noch fehlenden Bandbreite zuzuschreiben:
- Adobe integriert die CS Live Services, darüber sind Freigaben und Videomeetings direkt aus der Creative Suite raus möglich.
- Die Erstellung der Apps für Tablets läuft bei Adobe über eine App: Den Viewer Builder, der nur ein Frontend ist, die eigentliche Arbeit passiert auf einem Adobe-Server.
- Adobe sammelt mit Photoshop.com und Acrobat.com aktiv Erfahrungen.
- Ich kenne einige Projekte, wo Print-Publishing über klassische Web CMS (Content Management Systeme) gemacht wird.
Unsere Herausforderung also:
Welche Services miete ich künftig bei wem, um mir ein optimales Werkzeugset zusammen zu stellen. Ein Päckli, eine Seriennummer, ein Computer – das ist bald vorbei!
Herzlich
Haeme Ulrich
Und, wird irgend etwas billiger? Wohl kaum. Gartner kommt zum Schluss, dass SaaS nach 2 Jahren den Kostenvorteil wieder abgibt zu Gunsten von inhouse-Lösungen. Weitere Problematik: Datensicherheit. Ich habe mit vielen CEOs Kontakt. Keiner möchte die für das Unternehmen zentralen Daten irgendwo in der Cloud sichern. Schon aus Sicherheitsgründen nicht und wegen der Schnittstellenproblematik. Weitere Nachteile vom Cloud:
AntwortenLöschen- unklare rechtliche Situation: In den Staaten z.B. darf die Behörde recht einfach an Kundendaten heran, wenn sie das will
- mögliche unglückliche Verkettung von Zielkonflikten, bsp. Wikileaks hat das ja deutlich gezeigt. Auf einmal kommt der Staat (USA) und setzt Druck auf Amazon.com aus. Die Daten seien sofort zu löschen, sonst werde man Amazon (und damit alle Kunden!) boykottieren. Sprich: DNS-Records löschen
- Es gibt ja wohl kaum was unsicheres als das Internet. Die unklaren politischen Situationen machen es auch nicht gerade besser. Und da möchte ich wirklich meine Unternehmensdaten sichern? Die ganze Wertschöpfung davon abhängig machen, dass so ein chaotisches Gebilde wie das Internet funktionieren muss? Einverstanden, wenn Mail nicht geht, auch blöd. Aber ich kann dann wenigstens noch auf meine Daten und unterbreche meine Wertschöpfungskette nicht total.
- Es gibt keine Investitionen und demzufolge keine Manövriermasse in der Bilanz. Wo nix ist, kann auch nix abgeschrieben werden (kennt man ja vom Leasing, hilft auch nur den Banken)
- die Zuständigkeiten sind nicht klar. Cloud-Support gibts nur an der Hotline, bestenfalls. Sonst nur per Ticket-System. Wer möchte das?
Es gibt immer eine Welle, einmal in diese, dann wieder in die andere Richtung. Sicher, Cloud hat seine Berechtigung und wird seinen Platz finden.
Die Perspektive mit den webbasierten Programmen ist ja nicht gerade neu. Durchgesetzt hat sich dieses Konzept jedenfalls hierzulande nicht, wohl auch mangels hyperschnellen Leitungen.
AntwortenLöschenNicht nur weil in der Schweiz viele periphere Gegenden mehr schlecht denn recht erschlossen sind, ziehe ich Programme auf Rechnern im Atelier vor. Ganz sensible Daten liegen auf Systemen, die keine Internet-Anbindung haben. Und schliesslich: Wer garantiert mir die Zukunftssicherheit (kommerzieller) Cloud- oder anderer Dienste? Übles Beispiel: Als der Programmierer einer Arztpraxissoftware sein Scherfchen im Trockenen hatte, verabschiedete er sich kommentar- und spurlos - und liess seine Kundschaft hocken.
Traurige Wahrheit... Heute kann jeder, der ein halbwegs gares Geschäftsmodell hat irgend einen Server mieten. Wo liegen die Daten? Wer garantiert mir den Zugriff? Der beste SLA nützt mir nichts, aber auch gar nichts, wenn der Anbieter Konkurs anmeldet. Bei den Daten ist jeder sich selber der nächste. Wenn einer SaaS nutzen möchte, bitteschön. Aber er soll sich dann beschweren, wenn er die Risikoanalyse nicht seriös gemacht hat und hinterher feststellt, dass er sein Geschäft in den Konkurs treibt, weil er keinen Zugriff auf die Daten hat.
AntwortenLöschenGemäss Kroll Ontrack: Verliert ein Geschäft seine Daten, muss es innerhalb der nächsten 10 Tage wieder darauf zugreifen können. Sonst steigt die Wahrscheinlichkeit, das nächste Geschäftsjahr nicht zu überstehen auf 80-90 %.
Das wird in der Thematik der Backups immer wieder angesprochen. Gilt aber auch für SaaS-Leistungen.