
Haeme Ulrich
Wird von digital Publishing gesprochen, wird im gleichen Atemzug das iPad genannt. Das ist kurzsichtig, untertrieben und nicht die ganze Vielfalt.
Ohne Zweifel, Apples iPad hat der Gattung Tablet-Computer zum Durchbruch verholfen. Seit April dieses Jahres sind Weltweit 3.3 Millionen dieser Dinger über den Ladentisch gegangen. Zwar ist das iPad noch zu schwer und unnötig technisch eingeschränkt, aber es läutet eine neue Ära ein: Das Konsumieren von Magazinen am Bildschirm. Ich schreibe bewusst «Konsumieren», weil es weit übers normale Lesen hinaus geht.
Nun stellt sich die Frage, ob alle, die ein Magazin, einen Katalog, eine Image Broschüre oder Lehrmittel «konsumieren» wollen, ein iPad haben müssen. Ich denke nein.
In Konkurrenz zu Apples iPad gibt es immer mehr auch andere Tablets. Viele mit dem Google OS «Android». Ob diese Tablets sich ähnlich stark verbreiten wie die iPads wird sich zeigen. Was jedoch schon heute klar ist: Google und Apple verfolgen komplett unterschiedliche Strategien. Während Apple eine sehr proprietäre Schiene fährt, punktet Google mit Offenheit. Für uns Medienschaffende wie für die Konsumenten können beide Strategien Vorteile haben: Während die Apple-Geräte in der Regel stabil laufen und extrem einfach in der Bedienung sind, wird man bei Google nicht bevormundet, was Technologie und Software angeht; Flash und
AIR laufen seit Andorid 2.2.
Doch da ist noch mehr. Warum sollte sich ein Student, der gerade mal den letzten Cent für sein MacBook ausgegeben hat, noch ein iPad kaufen, um digital Konsumieren zu können? Warum in aller Welt laufen die Apples
iOS Apps nicht unter Apples Mac OS X!? Die Vögel pfeifen es von den Dächern: Die Herausforderung ist nicht eine technische, es ist eine wirtschaftliche. Mac OS X ist zu wenig geschlossen, um eine Abhängigkeit vom eigenen Store zu erzwingen; offiziell lassen sich auf iPhones und iPads nur Apps installieren, die über den Apple iTunes Store gekauft wurden. Zum Glück bleibt wenigstens die Möglichkeit, den Inhalt der Apps von anderen Quellen zu speisen.
Doch da ist noch mehr. Würden die Apps auch unter Mac OS X laufen, könnte die Familie mit dem iMac das digitale Magazin dort lesen.
Doch da ist noch mehr. Immer mehr Smartphones positionieren sich zwischen iPhone und iPad. Auch da müssen digitale Magazine künftig gelesen werden können.
Inhalt und Viewer trennen
Ich bin absolut überzeugt, dass digitale Magazine sich nur profitabel durchsetzen, wenn sie auf allen relevanten Plattformen laufen. Die einzige Möglichkeit hierzu ist, Inhalt und Viewer zu trennen. Das heisst, der Inhalt -- das digitale Magazin -- wird Plattform neutral produziert. Es wird in einen Viewer geladen, der dann auf der jeweiligen Plattform läuft. Eigentlich die Story, die wir mit PDF schon sehr gut kennen. Oder im weitesten Sinne ist auch der Webbrowser nichts anderes.
Unglaublich, wie spannend die Zeit im Moment ist: Welche Tablets setzen sich durch? Welches OS gewinnt am meisten Marktanteile? Gibt es standardisierte Viewer wie beim PDF? Oder brauchen wir künftig gar nur noch Browser und HTML 5? Strömungen zu spüren und daraus Trends abzuleiten, ist meine liebste Aufgabe nebst InDesign. Wie sehen Sie die Sache?
Herzlich
Haeme Ulrich